ModellbauakteRatgeberRechner

Jungfern und Taljen am Modell maßstabsgerecht montieren

09.10.2026

Jungfern und Taljen wirken am Modell nur dann überzeugend, wenn sie gleichmäßig sitzen, sauber reeved sind und die Masten beim Spannen in Linie bleiben. Eine Montagefolge mit Abstandshilfe, Seitenkontrolle und maßstäblicher Zurückhaltung hilft, die Beschläge ordentlich und plausibel auszuführen.

Was Jungfer und Talje leisten

Jungfern sind gelochte, runde Beschläge; paarweise verbunden werden sie durch eine Talje (auch Stropp- oder Spannleine), die zwischen den Löchern hin- und hergeführt wird. Am historischen Schiff dient diese Verbindung dazu, stehendes Gut wie Wanten zu spannen. Das Lake Champlain Maritime Museum beschreibt die Funktion als Spannung und Stabilisierung des stehenden Riggs ([Museumsobjekt „Deadeye“](https://www.lcmm.org/collections/explore-collections/folder/general-butler-1985/entry/deadeye-1)). Am Modell ist das Ziel nicht maximale Zugkraft, sondern ein ruhiges, wiederholbares Erscheinungsbild: gleichmäßige Abstände, parallele Jungfern und ein Mast, der während des Takelns nicht aus der Flucht gezogen wird.

Vor dem Takeln: Geometrie und Maßstab festlegen

Prüfen Sie zunächst den Takelplan: Welche Jungfer gehört zu welcher Want, wo liegen die Rüsten, und welche Lochfolge ist für dieses Schiff beziehungsweise den gewählten Bauzustand vorgesehen? Ein Marinehandbuch von 1871 beschreibt für eine dort behandelte Talje den Beginn am achteren Loch der oberen Jungfer und anschließend den Wechsel zur unteren ([Boy’s Manual of Seamanship, 1871](https://whalesite.org/anthology/1870_Boys_Manual_Pages.htm)). Übertragen Sie dieses Schema nicht blind auf jedes Modell: Seitenansicht, Plan und Vorbild entscheiden. Sortieren Sie die Jungfern nach Größe und legen Sie eine Musterverbindung an, bevor Sie die ganze Reihe takeln.

Gleichmäßige Abstände mit einer Lehre

Ein provisorischer Abstandhalter ist zuverlässiger als freihändiges Schätzen. Bei den Bauhinweisen zur Charles W. Morgan wird eine einfache Drahtlehre empfohlen, die die Jungfern zunächst etwas weiter auseinander hält als im Endzustand; beim Einsetzen der Taljen ziehen sich Wanten und Abstand auf die endgültige Lage zusammen ([Model Shipways, Charles W. Morgan, Bauanleitung](https://www.manualslib.com/manual/1087510/Model-Shipways-Charles-W-Morgan.html?page=33)). Für ein kleines Modell genügt ein Draht- oder Kunststoffsteg mit zwei Anschlägen. Bauen Sie erst eine Want probeweise auf: Garn kann sich beim Spannen strecken, und die passende Lehrenlänge hängt daher von Material und Maßstab ab. Kontrollieren Sie zusätzlich, dass die Jungfern einer Reihe in einer Linie parallel zur Schiffsseite liegen.

Talje reeving und Enden unauffällig sichern

Führen Sie die Talje gleichmäßig durch die vorgesehenen Löcher und wechseln Sie dabei konsequent zwischen oberer und unterer Jungfer. Die historische Anleitung nennt einen Wechsel zwischen den entsprechenden achteren Löchern als Beginn, während Modellbauanleitungen konkrete Startlöcher je nach Vorbild festlegen. Entscheidend am Modell ist, dass alle Paare dieselbe Folge erhalten und die Leine nicht verdreht oder über eine Kante scheuert. Ziehen Sie in kleinen Schritten an, statt eine Jungfer sofort festzusetzen. Den Schluss sichern Sie mit einer zum Maßstab passenden kleinen Belegung oder einem diskreten Klebepunkt auf der Rückseite; sichtbare Klebstofftropfen und überlange lose Enden wirken schnell übergroß. Die Anleitung der Charles W. Morgan weist ausdrücklich darauf hin, beim Takeln die Maststellung zu beobachten, weil die Wanten den Mast aus der Ausrichtung ziehen können.

Spannung dosieren und den Mast kontrollieren

Spannen Sie nicht Want für Want vollständig, sondern arbeiten Sie in mehreren Durchgängen an gegenüberliegenden Seiten. So verteilen Sie die Zugwirkung und können nach jedem Durchgang von vorn und achtern prüfen, ob die Masten noch gerade stehen. Bleibt ein Mast schief, lösen Sie die zuletzt gesetzte Talje und gleichen die Gegenseite aus, statt den Fehler durch stärkeren Zug an einer einzelnen Leine zu kaschieren. Die Model-Shipways-Anleitung empfiehlt eine Probewant, um die Dehnung des Materials zu erkennen, und warnt davor, dass das Takeln der Wanten die Mastflucht verändern kann. Bei einem Diorama oder einem bewusst beschädigten Modell gelten andere optische Ziele; bei einem neutralen Ausstellungsschiff sollte die Takelage aber nicht sichtbar geknickt oder überzogen sein.

Maßstäbliche Wirkung statt Überdetail

Jungfern und Taljen sind kleine Bauteile, die durch Wiederholung sofort auffallen. Einheitliche Lochorientierung, gleichmäßige Abstände und eine klare Leinenführung erzeugen deshalb mehr Wirkung als zusätzliche Knoten, die aus normalem Betrachtungsabstand ohnehin nur als dunkle Verdickungen erscheinen. Prüfen Sie im Streiflicht, ob die Leine sauber in den Löchern liegt, und betrachten Sie das Modell anschließend aus typischer Betrachtungsdistanz. Vorbild und Bauzustand bleiben maßgeblich: Das historische Handbuch zeigt ein bestimmtes Reeving-Schema und begründet keine universelle Modellnorm. Wählen Sie Garnstärke und Beschlaggröße daher aus Plan, Maßstab und verfügbarer Vorbilddokumentation; Maßstabstreue heißt hier vor allem, sichtbare Übertreibungen zu vermeiden.

Quellen

  1. Lake Champlain Maritime Museum
  2. The Boy's Manual of Seamanship and Gunnery (1871), digital transcription at Whalesite
  3. Model Shipways / Model Expo, Charles W. Morgan Instruction Manual (page 33)