Mikrobohrer in Kunststoff führen, ohne dass er abbricht
08.10.2026
Ein dünner Bohrer braucht eine ruhige, gerade Führung, eine fest abgestützte Kunststoffplatte und freie Spanräume. Entscheidend sind ein scharfer, materialgerechter Bohrer, kontrollierter Vorschub und ein Entlasten beim Austritt. Die Empfehlungen unterscheiden sich je nach Kunststoff; Acrylglas ist nicht mit jedem Modellbaukunststoff gleichzusetzen.
Warum Mikrobohrer abbrechen
Bei einem Mikrobohrer genügt schon ein kleiner seitlicher Versatz oder ein ruckartiger Vorschub, damit sich der dünne Schaft biegt und bricht. Auch ein stumpfer Bohrer, verklemmte Späne oder ein plötzlich nachgebendes Werkstück machen aus leichtem Schneiden eine Belastungsspitze. Ensinger nennt für ungeeignete Bearbeitung technischer Kunststoffe ausdrücklich Bruch, Ausriss, Überhitzung und Maßabweichungen. Ein scharfer Bohrer, geringer Druck und regelmäßiges Freiräumen sind deshalb die Basis. [Ensinger, Bearbeitungsempfehlungen](https://www.ensingerplastics.com/-/media/ensinger/files/document-teaser-files/brochures/shapes/xxold-machining-guidelines-semi-finished-plastics-en.pdf) empfiehlt bei kleinen Bohrungen intermittierendes Bohren: Bohrer zurückziehen, Späne abführen, dann weiterarbeiten. Ensinger weist auf raschen Wärmeanstieg hin, wenn die Bohrtiefe mehr als etwa das Zweifache des Durchmessers erreicht.
Werkstück und Bohrer ausrichten
Lege die Kunststoffplatte plan auf eine Opferunterlage und fixiere beides so, dass nichts kippen oder flattern kann. Bei Acrylglas empfiehlt ACRYLITE ausdrücklich eine feste Spannung und eine Unterlage, in die der Bohrer am Austritt hineinlaufen kann. [Die ACRYLITE-Bohranleitung](https://www.acrylite.co/files/content/acrylite.co/documents/fabrication-briefs/ACRYLITE-Drilling-Fabrication-Information.pdf) nennt dafür Acrylglas, andere thermoplastische Platten oder MDF. Eine solche Unterlage stützt den Austritt; sie ersetzt aber keine sichere Fixierung. Führe den Bohrer in der Pinzette oder im Bohrständer möglichst lotrecht. Beim Ansetzen langsam beginnen, statt mit Schwung in die Oberfläche zu drücken. Feida empfiehlt langsames, vorsichtiges Ansetzen.
Geometrie passend zum Kunststoff wählen
Nicht jeder Bohrer mit der Aufschrift „Kunststoff“ passt zu jedem Material. Für sprödes Acrylglas beschreibt ACRYLITE die Anpassung herkömmlicher HSS-Bohrer: eine Spitze von 60° bis 90° statt der üblichen 118° bis 130°. Das soll Absplittern beim Eintritt und Austritt mindern. Feida führt als Beispiel für einen speziellen HSS-Kunststoffbohrer 80° Spitzenwinkel an; dessen Spiralwinkel von 12° bis 15° nennt der Hersteller erst ab 3 mm Durchmesser. [Feida Tools](https://feida.de/info/en/produkt/50-hss-hk-kunststoffbohrer/) führt die lange Spiralform und weite Nuten als Merkmale für Spanaufnahme an. Diese Angaben sind kein universelles Rezept für jeden Mikrobohrer: Unterhalb des genannten Durchmessers und bei anderen Kunststoffen die Werkzeuggeometrie nicht ungeprüft übertragen.
Mit ruhigem Vorschub bohren und Späne lösen
Setze den Bohrer zunächst langsam an und halte die Achse stabil. Drehe gleichmäßig und übe nur so viel Druck aus, dass die Schneide Material abnimmt. Wenn der Bohrer nicht schneidet, sondern quietscht, heiß wird oder Späne in der Nut festhängen, nicht stärker drücken: Ziehe ihn zurück, entferne die Späne und prüfe die Schneide. Bei tieferen Löchern in kurzen Abschnitten bohren und dazwischen ausräumen. Ensinger empfiehlt für kleine Durchmesser häufiges Zurückziehen zur Spanabfuhr und gegen Wärmestau sowie einen scharfen Bohrer und keinen übermäßigen Druck. Beim Handbohrer seitliches Hebeln vermeiden; lieber den Bohrer entlasten und gerade aus dem Loch ziehen.
Am Austritt entlasten
Die letzten Millimeter sind häufig der kritische Moment: Sobald die Spitze die Rückseite erreicht, fehlt ihr dort die Führung. Mit einer fest anliegenden Opferplatte bleibt der Kunststoff gestützt. Reduziere den Vorschub kurz vor dem Durchbruch, statt den Bohrer mit demselben Druck weiterzuschieben. ACRYLITE empfiehlt langsamen Vorschub beim Austritt; die Anleitung erklärt außerdem, dass eine Unterlage Ausbrechen an der Unterseite verhindern soll. Für anders aufgebaute Kunststoffe kann das Ergebnis abweichen. Bei sichtbaren Rissen, Schmelzspuren oder ausgefransten Kanten erst Material und Bohrer prüfen, bevor du Drehzahl oder Druck erhöhst.