Rahen und Gaffeln mit passenden Proportionen herstellen
09.10.2026
Stimmige Rahen und Gaffeln entstehen nicht aus einer einzigen Universalformel: Riggplan, Schiffstyp und Segelgeometrie geben die Maße vor. Historische Tabellen liefern nützliche Vergleichswerte, die am Modell maßstäblich umgesetzt und vor dem Bau trocken angepasst werden sollten.
Erst den Riggplan festlegen
Wer Rahen oder Gaffeln nach Augenmaß ablängt, landet schnell bei einem Rigg, das zwar ordentlich gebaut ist, aber nicht mehr zum Schiff passt. Beginne mit einem belastbaren Seitenriss: bevorzugt ein Plan des konkreten Schiffs, sonst ein gut dokumentiertes Vergleichsschiff aus derselben Epoche und demselben Riggtyp. Markiere Mastpositionen, Segelkonturen, Anschlagpunkte und die Enden der Spieren. Lege erst dann die Maße für das Modell fest. Eine historische Tabelle ist dabei ein Vergleich, kein Baugesetz. Dana nennt als allgemeine Richtlinie für den Spanker eine Gaffel von zwei Dritteln der Baumlänge; bei der von ihm aufgeführten „Damascus“ stehen jedoch 40 Fuß Baum und 30 Fuß Gaffel, also drei Viertel. Das Beispiel zeigt, weshalb du Verhältniswerte nur innerhalb des passenden Schiffs- und Riggtyps übernehmen solltest. [Dana, The Seaman’s Friend](https://www.gutenberg.org/files/40958/40958-h/40958-h.htm)
Maße sauber auf den Modellmaßstab bringen
Wähle für jede Spiere eine eindeutig definierte Länge: bei einer Rah etwa von Nock zu Nock, bei einer Gaffel zwischen den Enden der Spiere. Notiere, ob Beschläge oder Endstücke im Planmaß enthalten sind, damit du nicht später unbemerkt eine andere Messstrecke vergleichst. Rechenweg: Vorbildmaß in Millimetern durch den Maßstabsnenner teilen. Als anschauliches Rechenbeispiel ergeben Danas 40 Fuß Baum bei 1:96 rund 127 mm; seine 30 Fuß Gaffel werden zu rund 95 mm. Das ist ausdrücklich nur die maßstäbliche Übertragung dieses konkreten Eintrags, keine Empfehlung, jedes Gaffelrigg im Verhältnis 3:4 zu bauen. Zeichne die übersetzten Endpunkte anschließend im Modellmaßstab auf Papier und kontrolliere, ob die Spiere zum Segel und zu den Beschlägen passt. [Danas Angaben zur „Damascus“](https://www.gutenberg.org/files/40958/40958-h/40958-h.htm)
Rahen: Länge und Silhouette am Segel prüfen
Bei Rahen ist die sichtbare Spannweite nur ein Teil der Proportion. Lege den Mastmittelpunkt, die Rahmitte und die Segelbreite in einer gemeinsamen Ansicht fest; vergleiche außerdem die benachbarten Rahen miteinander. Eine Folge von Rahen soll als zusammenhängender Satz wirken, nicht als Reihe unabhängig geschätzter Stäbe. Zeichne zunächst die volle Länge samt Nocken, dann die Bereiche, die später durch Nockgarnituren, Beschläge oder Takelage optisch verdeckt werden. Für Durchmesser gibt es ebenfalls keine sichere Einheitszahl ohne Bezug auf Schiff und Bauzeit. Arbeite deshalb vom Originalplan oder einer passenden Tabelle aus und übertrage die dortigen End- und Mittelmaße separat. Wenn nur ein Seitenriss verfügbar ist, zeigt er die Länge, aber nicht zuverlässig die Querschnittsform: ergänze diesen Wert nicht durch eine beliebige Verjüngung, sondern recherchiere ein vergleichbares Detail oder halte die Annahme ausdrücklich als eigene Interpretation fest.
Gaffel und Baum aus der Segelgeometrie ableiten
Eine Gaffel folgt nicht nur der Baumlänge. Zeichne die Segelkontur mit Mast, Baum und Gaffel ein und übertrage die Endpunkte aus dem Plan. Bei Darling hängt der Schwenkwinkel von Baum und Gaffel von den beiden Diagonalen der Segelfläche ab; die Geometrie sollte daher vor dem Ablängen auf dem Plan stehen. [Darling, Sail Making for Model Yachts](https://usvmyg.org/articles/sail-making/sail-making-for-model-yachts/) Der Modellbauartikel von 1884 verwendet für sein konkretes Modell eine andere Bezugsgröße: fünf Sechstel des Abstands vom Mast bis zum Ende des Achterüberhangs. Das ist ein historischer Entwurfswert dieses Beispiels und sollte nicht ungeprüft auf ein anderes Schiff übertragen werden. Hide nennt wiederum bei einem Gaffelsegel ungefähr einen halben Zoll Spierenüberstand über das Segel. Solche Zugaben sind eine nützliche Ausgangshilfe für ein Segelmodell, aber keine Ersatzmaße für einen maßstäblichen Schiffsplan. [Modellbauartikel von 1884](https://usvmyg.org/archives/the-model-yachtsman-and-model-yacht-club-reporter-volume-1-issue-2-april-1884/) · [Hide, Model Yachts](https://usvmyg.org/articles/construction/model-yachts-how-to-design-and-build-them/)
Trocken montieren, erst danach endgültig formen
Schneide zunächst etwas Übermaß zu und fixiere die Spieren provisorisch. Setze die Segelkontur dahinter oder nutze eine transparente Papierschablone; prüfe Mastabstand, Gaffelwinkel, Baumhöhe und den freien Weg beweglicher Teile. Hides Empfehlung von rund einem halben Zoll Überstand und etwa zwei Zoll Mastzugabe gilt als konkrete Anleitung für seine Modelljacht, nicht als allgemeingültiger Wert für jedes Maßstabsschiffsmodell. Passe sie also an Maßstab, Segelanschluss und Beschläge an. Wenn der Plan nur eine grobe Skizze ist, kontrolliere zuerst die Winkel und Endpunkte, nicht die vermeintliche Millimetergenauigkeit. Ein leicht abweichendes, aber stimmiges Rigg kann ehrlicher sein als ein scheinpräziser Nachbau, dessen Ausgangsmaße unsicher sind. Die Quellen stammen aus unterschiedlichen Zeiten und behandeln unterschiedliche Modelle; ihr Nutzen liegt darin, Mess- und Prüfmethoden zu zeigen, nicht darin, dass sich alle Zahlen zu einer universellen Proportion vereinheitlichen ließen.
Quellen
- Project Gutenberg (Richard Henry Dana Jr., The Seaman's Friend, Ausgabe 1847)
- U.S. Vintage Model Yacht Group (The Model Yachtsman, April 1884)
- U.S. Vintage Model Yacht Group (Arthur C. Hide, Model Yachts: How to Design and Build Them)
- U.S. Vintage Model Yacht Group (Thomas Darling, Sail Making for Model Yachts)